Web-Supermänner und ihre Überlebenskämpfe

07.08.2020 3.295 Aufrufe Leben 5,00

Sechs Jahre lang war ich hauptberuflich als selbstständiger Web-Dienstleister am Markt aktiv. Mein Beruf? Kundenberater, Webdesigner, Webdeveloper, Webmarketer, Projektmanager – und natürlich war ich auch mein eigener Buchhalter. Ich deckte alle Bereiche in Eigenregie ab, als kleiner Web-Superman also, und habe viele Projekte umgesetzt, auf die ich stolz bin. So weit, so gut!

Web-Superman
Der Web-Superman in mir

Viele Möchtegern-Supermänner

Web/IT-Dienstleistung fällt unter die sogenannten „freien Gewerbe“, d.h. es ist leider (!) an keinen Befähigungsnachweis gebunden. Der Aufwand für eine Gewerbeanmeldung als Einzelunternehmen ist gering und geht mittlerweile schon ohne Behördengang direkt online. Im Minimalfall braucht man für die Ausübung der Web/IT-Dienstleistung auch nur einen Computer/Laptop, Internet und – hier unterscheidet sich die Spreu vom Weizen – Know-how.
Das klingt sehr verlockend und daher liegt es in der Natur der Sache, dass gerne Web-Startups gegründet werden. Da keine teuren Geräte oder Maschinen angeschafft werden müssen, ist das Risiko auch recht überschaubar.
Die Kehrseite der Medaille: Viele Web-Einzelkämpfer fristen ein Dasein nahe am Existenzminimum und verschwinden irgendwann so schnell wie sie gekommen sind.

Preisdumping im Kampf um die Kunden

Die „Geiz ist geil“-Mentalität ist definitiv auch im Web-Bereich angekommen. Die „Kleinen“ wollen immer mehr Web-Dienstleistung für immer noch weniger Geld – alles über 1.500 Euro ist leider oft schon hart an der Schmerzgrenze.
Viele Webhoster bieten Ihren Kunden „Homepage-Baukästen“ an, mit denen man ohne spezielle Kenntnisse per WYSIWYG eine einfache Website „zusammenklicken“ kann. Weiters findet man im Web zigtausende kostenlose und durchaus ansprechende Templates für beliebte Content-Management-Systeme wie WordPress oder Joomla!.
Kein Wunder also, dass viele potentielle Web-Kunden die Wertschätzung für professionelle Internetlösungen verloren haben.

Überlebensstrategien?

  • Strategie 1: Die Masse macht’s
    Man springt auf den „Geiz ist geil“-Zug auf und bietet Weblösungen von der Stange zu Dumpingpreisen an. Fertiges Template, Einbau des Logos, minimale Farb- und Layoutanpassungen und fertig ist die neue Website! Solche Lösungen werden bereits zu Kampfpreisen ab 300 Euro angeboten und es gilt der Grundsatz Quantität vor Qualität. Die Website bietet die im Template integrierten Funktionen. Sonderwünsche und Erweiterungen sind nur bedingt möglich und verhältnismäßig teuer.
  • Strategie 2: Maßgeschneiderte Weblösungen
    In diesem Segment ist das Akquirieren von Kunden natürlich viel schwieriger als bei Strategie 1. Die Website wird perfekt an die jeweilige Anforderung angepasst und das Endprodukt ist ein Unikat, das es in dieser Form nur einmal im Web gibt. Kundenbriefing, individuelles Photoshop-Layout, Programmierung nach Maß, gezielte Suchmaschinenoptimierung und Berücksichtigung aller speziellen Kundenwünsche. Hier gilt die Devise Qualität vor Quantität und dementsprechend benötigt man auch ein wesentlich höheres Budget, jedoch auch in Form einer fixen Pauschale.
PIXELUTION.AT August F. Golser, BSc
Mein Unternehmen: PIXELUTION.AT August F. Golser, BSc
  • Strategie 3: Kooperation mit Werbeagenturen
    Größere bzw. anspruchsvollere Projekte laufen meist über (etablierte?) Werbeagenturen. Diese stocken zwar nach und nach ihre Inhouse-Webkompetenzen auf, lagern aber aufwändigere Programmierarbeiten meist an externe Dienstleister aus. Hat man hier mal Fuß gefasst, darf man sich unregelmäßig über richtig spannende Projekte freuen, an die man wahrscheinlich auf direktem Wege nicht rangekommen wäre. Angemessene Stundensätze von 80 Euro und höher sind in diesem Segment ganz normal.
  • Strategie 4: Verlängerung der Projektlebenszyklen
    Es ist viel schwieriger neue Kunden zu akquirieren als bereits bestehende Kunden zu binden. Logische Konsequenz: Bestehenden Kunden aktiv Erweiterungen und Optimierungsmaßnahmen (z.B. Blog, Bildergalerie, Sprachversionen, Suchmaschinenoptimierung, usw.) anbieten um somit den Projektlebenszyklus auszuweiten und weitere Umsätze zu generieren.

Meine Strategie?

Strategie 1 wurde von mir bewusst nicht oder nur ganz selten praktiziert. Denn das macht auf Dauer keinen Spaß und dafür habe ich auch nicht studiert!
Ich verfolgte Strategie 2 (siehe beispielsweise Top-Immoplattform für Österreich und München) und Strategie 3 (siehe beispielsweise PIXELUTION.AT realisiert KNORR Microsite). Strategie 4 wurde natürlich immer passend zum jeweiligen Kunden bzw. Projekt angestrebt.

Das kreative Pixelution-Team
Das kreative Pixelution-Team

Ein übersättigter Markt

Ein Faktum: Der Markt rund um Homepages & Co ist im „kleinen Segment“ gesättigt und es wird gefühlt immer noch schlimmer.
Das Hauptproblem: Zu viele machen’s – zumindest „ein bisschen“!
Wer lange genug sucht, findet bestimmt irgendwo immer noch einen Dienstleister, der den Preis unterbietet. Doch wann ist Schluss?
Meinem Vater wurde sogar einmal eine kostenlose (!) Website angeboten. Scheinbar ein neuer Dienstleister auf der Suche nach seinen ersten Referenzen. Schade, dass Golser Schuhe bereits eine Webpräsenz hat!

Veränderung tut gut

Die sechs Jahre als selbstständiger IT-Einzelkämpfer mit Sitz in St. Johann in Tirol waren eine interessante Erfahrung für mich, aber sechs Jahre waren definitiv genug!
Für den nächsten Lebensabschnitt wünschte ich mir neue Herausforderungen, gezielte Weiterbildung und spannende, größere Projekte im Team.
Mittlerweile habe ich meinen Hauptwohnsitz in Linz und arbeite bei Österreichs größtem Karriereportal karriere.at.
Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Weiterführende Links

Bildnachweis: iStock.com/PeskyMonkey

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